Österliche Erinnerung an Ernst Lange (1927-1974)

Den Namen braucht man nicht zu kennen. Ernst Lange war Pfarrer, Professor, Autor, Leiter eines Arbeitsbereiches beim Ökumenischen Rat der Kirchen und einer Planungsgruppe der Evangelischen Kirche in Deutschland. Alles brillant, und doch fast alles nur kurz wegen lebenslanger quälender Versagensängste und langer Krankheitszeiten.
Aber dass eine Gemeinde sich auch sehr passend in einem ganz normalen Ladenlokal versammeln kann,  dass Predigt eigentlich ein Gespräch zwischen Text und Situation ist und deswegen auch im Dialog vorbereitet werden und bei einer Tasse Kaffee nachbesprochen werden soll,  dass das Ziel des Gottesdienstes am Sonntag der Gottesdienst während der Woche, die „Chancen des Alltags“, sind, dass die Kirche ohne die weltweite Ökumene, ohne die Anfragen und Herausforderungen aus anderen Teilen der Welt auf keinen Fall komplett ist, dass all dies am besten auf den Kirchentagen geklärt und besprochen wird:
all das wurde wie von keinem anderen als von Ernst Lange formuliert und erprobt.
Ernst Lange: „Man lässt sich durch die ‚Tropfen-auf-den-Stein‘ Resignation nicht aus dem Schritt bringen. Man resigniert nicht, man prosigniert. Man setzt die Zeichen der Hoffnung so weit vor, wie man es irgend verantworten kann. Freilich, Behagen hat die Kirche nicht zu verbreiten. Aber Mut hat sie zu entzünden. Sie hat Menschen davon zu überzeugen, am konkreten Fall zu überzeugen, dass sie ‚etwas machen können‘ und ‚machen sollen‘, weil im Wandel der Welt der Mehrwert der Verheißung für sie zu Buche schlägt, im Großen und im Kleinen.“ Für Ernst Lange ist der Friede, den Jesus Christus ausgerufen und vorgelebt hat, der einzige Daseinsgrund der Kirche. Und darum ist die ökumenische Bewegung der „Ernstfall des Glaubens“: Sie versucht, „die Frömmigkeit und das Gewissen auf die Zukunft zu orientieren. Menschen sollen über ihre Grenzen hinaussehen, hinausfühlen, hinausleben lernen.
Das Fremde soll nicht mehr fremd sein für sie, Veränderung soll gesegnet und nicht mehr gescheut oder gar verflucht werden. Gott soll aus der Vergangenheit auswandern und als der erkannt, angenommen werden, der immer schon im Kommenden angesiedelt ist.
Kirche soll nicht mehr vertraute Vergangenheit, sondern ersehnte Zukunft sein.“
1974, vor jetzt 40 Jahren, stirbt Ernst Lange in Windhaag, Österreich. Beschäftigt mit seinem Buch über die Kirche nimmt er sich im Ferienhaus seiner Schwester das Leben.
Seine Freunde sagen: Er war ein „Aufklärer des Todes“. Er ist einen verkehrten Tod gestorben! Der Widerspruch war schwer zu ertragen. Hatte der Tod gewonnen?
Kurz zuvor hat Ernst Lange geschrieben: „Von Gott reden heißt eben nicht: das Thema wechseln, als müsste, wenn dieser Name fällt, nun nicht mehr gestorben werden. Aber wenn von Gott in Verbindung mit dem Tod richtig geredet wird, dann erheben sich vielleicht die Häupter.“ „Der Tod ist kein Argument gegen das Leben, kein Argument gegen die Liebe, kein Argument gegen die Hoffnung auf die Vollendung der Welt. Ganz schlicht: kein Argument gegen Gott. Man stirbt nicht weg von Gott.
Man stirbt in Gott hinein.“

Pfarrer Stefan Maser