`Was man von hier aus sehen kann´ von Mariana Leky.

Kurz gefasst könnte ich über dieses Buch schreiben `Eine Gruppe von Menschen – Familie, Nachbarn, Freunde – leben, lieben, leiden und sterben im Westerwald´. Doch HALT! Was Mariana Leky in ihrem Roman erzählt, ist so ganz anders, poetisch, heiter, nachdenklich, auch schräg, dass man manche Stelle zweimal lesen muss, um sie richtig zu verstehen. Hauptperson ist für mich Selma, die Großmutter der zu Beginn zehnjährigen Erzählerin der Geschichte, Luise. Selma hat von einem Okapi geträumt.

„Dann, am Schluss des Traumes hob Selma den Kopf, das Okapi wandte seinen um, zu Selma, und jetzt schauten sie sich direkt an. Das Okapi blickte sehr sanft, sehr schwarz, sehr nass und sehr groß.“ (S. 15)

Bereits dreimal in ihrem Leben träumte Selma den Traum mit dem Okapi, und jedes Mal starb innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein naher Mensch. Sie erzählt nur Luise und ihrer Schwägerin Elsbeth vom Traum, dennoch weiß in kürzester Zeit das ganze Dorf Bescheid. Eine geniale Ausgangssituation, um die Menschen vorzustellen, mit ihren Reaktionen auf die Aussicht, möglicherweise der bevorstehende Todesfall zu sein. Die Autorin bedient sich einer Sprache mit Bildern, Formulierungen und Einfällen, die ich so noch nicht gelesen habe. Außer Selma und Luise lernen wir noch weitere Personen kennen: den Optiker, der schon seit vielen Jahren für die Witwe Selma schwärmt und nicht wagt, ihr das zu gestehen; oder Martin, Luises starken Freund, der sie jeden Morgen zur Begrüßung hochhebt, und für den Luise die Hausaufgaben macht. Da sind Luises Eltern, Selmas Schwägerin Elsbeth und weitere Dorfbewohner, die alle ihr Schicksal, ihre Probleme und Schrullen haben, die uns die Autorin auf ihre besondere Art mitteilt. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Selmas Traum Recht behält. Der Tod kommt zwar verspätet, aber so abrupt, dass es mir den Atem nahm. Wir begleiten Luise und die anderen Personen weiter in ihrem Leben und lesen immer wieder erstaunliche Beschreibungen.

„…und schon wurde der Optiker von seinen inneren Stimmen angerempelt. Der Optiker hatte in sich eine ganze Wohngemeinschaft voller Stimmen. Sie waren immer zu laut, vor allem nach 22 Uhr, sie verwüsteten die Inneneinrichtung des Optikers, sie waren viele, sie zahlten nie, sie waren unkündbar“. (S. 34)

Vielleicht geht es Ihnen auch gelegentlich so, wenn ein Problem Sie beschäftigt? Aber so haben Sie es sicher noch nicht beschrieben, oder? Ach ja, und kürzlich, im Kölner Zoo traf auch ich ein Okapi, und sagen Sie selbst, sieht es nicht aus wie in Selmas Traum? Aber es war echt!