Der Theologe Karl Barth (1886-1968)

Sie sind schon eindrucksvoll, die 14 Bände, altweiß, im Lexikonformat, natürlich vorhanden in den Arbeitszimmern beider Pfarrer der Gemeinde. „Kirchliche Dogmatik I/1 – IV/4“ steht drauf, und das auch noch in „altdeutscher“ Frakturschrift. Da liegt die Vermutung nahe, dass das wohl die Sammlung der kirchlichen Glaubensvorschriften ist. Und die Hoffnung, dass der eigene Pastor da für Predigt und Unterricht nur selten hineinsieht.

Bundesarchiv, Bild 194-1283-23A / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 deDie Bücher sind das ziemlich eigenwillige Werk eines einzigen Mannes, des Schweizers Karl Barth, der als einflussreichster evangelischer Theologe des letzten Jahrhunderts gilt – und seiner meist nur am Rande erwähnten fast lebenslangen Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum.

Gott ist ganz anders! Jeder Versuch eines Menschen, Gott von sich aus zu erfassen, bleibt Gottlosigkeit und führt höchstens zu Religion. Die kann getrost der Religionskritik überlassen werden. So groß ist der Unterschied zwischen Gott und den Menschen, dass aus den Zweien auch nicht ohne Weiteres ein Drittes wird, zum Beispiel das „Christentum“, die Kirche oder der Fortschritt des „christlichen Abendlandes“, in dem diese Gegensätze verbunden und aufgehoben sind. Menschen können von Gott nur etwas wissen, wenn er sich von sich aus öffnet und miteilt, theologisch gesprochen: sich offenbart. Das hat er in Jesus Christus getan. Das ist der Punkt, in dem er die Welt berührt.

Diese Gedanken formuliert Karl Barth 1919 als junger Pfarrer in einem stürmischen Kommentar zum Römerbrief. Das Büchlein schlug ein. Mit der Katastrophe des Ersten Weltkrieges stand ja gerade vor Augen, dass eine kultivierte christliche Welt eine Illusion gewesen war.

Barth wurde Theologieprofessor. Erstaunlicherweise nahm er sich vor, die gesamte bisherige Lehre der Kirche, was denn von Gott zu sagen sei, noch einmal neu nachzudenken: eben die „Kirchliche Dogmatik“. Und er scheute sich dabei nicht, einiges genau andersherum zu sagen, als es bis dahin meistens gesagt worden war.

Sein Hauptergebnis: Gott hat, in aller seiner Freiheit, einen Bund mit den Menschen gemacht. In Jesus Christus hat er Tod und Verdammnis für sich und das Leben für die Menschen gewählt. Die ganze Schöpfung: eigentlich nur die äußere Grundlage und der Raum für diese Erwählung. Steile Gedanken – und auch nicht gerade genau das, was bis dahin „Erwählungslehre“ geheißen hatte.

Weltfremd haben diese Überlegungen Karl Barth jedenfalls nicht gemacht. SPD-Mitglied war er schon als junger Pfarrer geworden. Und die klarste kirchlich-theologische Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus, die „Barmer Theologische Erklärung“ von 1934, ist auch von ihm entworfen: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, sein Zuspruch und Anspruch, von dem kein Bereich des menschlichen Lebens als „eigengesetzlich“ ausgenommen werden kann.

Gott ist ganz anders – aber in seinem Anderssein entschieden menschlich. Christus allein ist das Licht der Welt, ihr eigentliches Geheimnis. Barth verwendet noch gern und unverdrossen die Worte: ihr Herr und ihr König. Gerade deshalb ist diese Welt weder sich selbst noch anderen Mächten oder Gesetzmäßigkeiten zu überlassen, wie das in anderen theologischen Traditionen leicht getan wurde.

Gott erlaubt seinem Geschöpf, das zu sein, wozu er es geschaffen hat: ein Bundes-, Gemeinschafts- und Beziehungswesen. Statt des bequemen „So-bin-ich-halt-ich-kann-nicht-anders“, das zurzeit mit Verweis auf die Gene und die Steinzeitmenschen wieder sehr in Mode ist.

Und weil Christus das Licht der Welt ist, ist auch weit weg von der Gemeinde und ihrem Gottesdienst, auch in den anderen Religionen, mit Lichtern zu rechnen: mit Erfreulichem, wirklich Gutem, Gerechtem und Lebensförderndem.

Steht alles in den dicken Bänden mit dem, zugegebenermaßen, etwas abschreckenden Titel „Die Kirchliche Dogmatik“. „Wenn ihr das Geld für einen Farbfernseher zusammen habt, überlegt euch doch, ob ihr euch nicht lieber eine ‚KD’ kaufen wollt. Die wird nie langweilig!“ sagte mein Religionslehrer vor vielen Jahren. Recht hatte er!

Pfarrer Stefan Maser

Über den Autor / die Autorin

Stefan Maser

Stefan Maser ist Pfarrer in Hoerstgen und zugleich evangelischer Krankenhausseelsorger am St. Bernhard-Hospital. Außer der Arbeit in der Gemeinde füllen die Verbindung zum Sozialzentrum "Dios es Amor (Gott ist Liebe)" in einem Armenviertel von Lima/ Peru und eine große Familie sein Leben aus. Zusätzlich zu seinem Dienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Hoerstgen übernimmt er gemeinsam mit Pfarrer Kunellis noch Aufgaben in der Evangelischen Kirchengemeinde Neukirchen.

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