Unter dieser Überschrift findet jetzt in den letzten Maitagen der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag statt. 500 Jahre nach Beginn der Reformation führt er über 100.000 Menschen, nicht nur Evangelische, und überwiegend Jüngere zusammen. Als vielstimmiges Diskussionsforum und buntes Treffen in Berlin und großes Fest in Wittenberg zeigt er, was die evangelische Kirche bewegt und wie es in der evangelischen Kirche zugeht.

Leitwort und Plakat haben mich am Anfang nicht überzeugt. „Gott sieht alles“ wurde Kindern gesagt. Das war nicht immer gut für das Vertrauen auf Gott und die Freude am Glauben. Noch heute könnte es an eine Religion der Vorschriften, der Kontrolle und der Angst vor Strafe erinnern. Kein gutes Ergebnis für die „Kirche der Freiheit“. Und dann diese Augen auf dem Plakat, wie Teile von einem Billigspielzeug! Aber dann habe ich meine Meinung geändert.

Die Sehnsucht, gesehen und beachtet zu werden, ist groß. Die Jüngeren schicken dauernd Bilder von sich selbst in die Welt, als „Selbsti“ per Handy, Facebook oder auf Instagram. Aber auch Ältere arbeiten ständig daran, wie Andere sie sehen sollen. Leute, guckt her: Ich bin interessant, lustig und habe den Durchblick! Und hinter den Posen und der Arbeit am Bild von mir selbst steckt die große Sehnsucht, auch einfach so wahrgenommen und geliebt zu werden. Nicht übersehen und vor allem nicht abgeschrieben als langweilig, dumm und unwichtig.

„Du siehst mich!“ In der Bibel gehört dies Wort in die Geschichte einer Lebensrettung. In 1. Mose 16 ist sie nachzulesen. In einer verkorksten Situation in Abrahams Großfamilie ist die Ägypterin Hagar schwanger in die Wüste geflohen. Nicht gefunden wären sie und das ungeborene Kind gestorben. Aber ein Bote Gottes spricht sie an, erkundigt sich nach ihrer Situation und hilft ihr weiter. Gerettet, weil Gott sie sieht!

Man kann Parallelen zwischen Hagar und Martin Luther sehen: „Ein an sich selbst verzweifelter Mönch hat entdeckt, dass ein gnädiger Gott ihn liebevoll anschaut. Das hat ihn verändert und dann die Welt.“ So der evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg in seiner Einladung zum Kirchentag. Es ist befreiend, Gottes Wertschätzung zu entdecken und zu spüren. So entsteht die „Kirche der Freiheit“! In der Geschichte von Hagar gilt Gottes besondere Aufmerksamkeit einer vor Gewalt und Unterdrückung geflohenen Ägypterin, die auf der Flucht in Lebensgefahr ist. Auch sehr aktuell.

Der Kirchentag in Berlin kann zur Aufmerksamkeit beitragen. Zuerst zur Aufmerksamkeit der oft ziemlich Verschiedenen, die sich dort treffen, füreinander. Und dann an vielen Orten, wenn von Gott geliebte und wertgeschätzte Menschen auf Andere zugehen, die keiner sieht oder sehen will. Das kann sehr konkret und sehr wohltuend geschehen und manchmal sogar lebensrettend.

Ein neuer „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“ (1. Mose 16, 14) könnte der Kirchentag so werden, auch für unsere Gemeinde. Nur mit dem Plakat mit den Kulleraugen kann ich mich noch immer nicht so richtig anfreunden …

Mit den übrigen Mitarbeitenden der Gemeinde grüßt herzlich

Stefan Maser

Über den Autor / die Autorin

Stefan Maser

Stefan Maser ist Pfarrer in Hoerstgen und zugleich evangelischer Krankenhausseelsorger am St. Bernhard-Hospital. Außer der Arbeit in der Gemeinde füllen die Verbindung zum Sozialzentrum "Dios es Amor (Gott ist Liebe)" in einem Armenviertel von Lima/ Peru und eine große Familie sein Leben aus. Zusätzlich zu seinem Dienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Hoerstgen übernimmt er gemeinsam mit Pfarrer Kunellis noch Aufgaben in der Evangelischen Kirchengemeinde Neukirchen.

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