Vor einem Jahr war ich in Worpswede, dem Künstlerdorf im Teufelsmoor. Mit romantischen Vorstellungen von einem Dorf voller Galerien, Künstler und einer besonderen Atmosphäre kam ich an und fand einen Ort voller Erinnerungen an eine Zeit vor 125 Jahren, als eine Gruppe von jungen Malern sich entschloss, außerhalb der Akademien eine stille, stimmungsvolle Landschaft zu suchen und diese in Worpswede fand. Ich besuchte den „Barkenhoff“, den Heinrich Vogeler, der Jüngste des Künstlerbundes, gekauft und gestaltet hatte, und der Mittelpunkt einer „Familie“ genannten Gruppe wurde, zu der die Eheleute Modersohn, Clara Westhoff und für eine Weile auch Rainer Maria Rilke gehörten.

Um diese Menschen auf dem Barkenhoff und in Worpswede geht es in dem Roman „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. Er handelt an drei Tagen im Leben des Malers und Allround-Genies Heinrich Vogeler. Am dritten Tag, dem 9. Juni 1905 wird er für sein Bild „Das Konzert (Sommerabend)“ die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft überreicht bekommen. Durch seine Gedanken und Rückblenden in die letzten Jahre erhalten wir überraschende Einsichten in die Entstehung des Bildes, erfahren viel über die Beziehungen und das Leben in der Künstlerkolonie, über das Verhältnis der Künstler zu dem genialen Poeten Rainer Maria Rilke und darüber, wie die Ideale der Künstlerkolonie letztlich der Realität nicht standhalten.

In kunstvoller, oft malerischer Sprache gelingt es Modick, seine Leser in die Welt Vogelers, seine Gefühle hineinzuziehen. Man versteht am Ende seine Einstellung zu dem Bild, das auf den Vorsatzblättern vorne und hinten im Buch betrachtet werden kann. Aus heutiger Sicht war die Künstlerkolonie Worpswede im 20.Jahrundert eher eine Randnotiz. In der Kunstgeschichte der Moderne spielt nur Paula Modersohn-Becker eine Rolle. Doch Worpswede schafft es, die Erinnerung an die alten Worpsweder Meister zu bewahren und gleichzeitig moderne Künstler in die Tradition des Künstlerdorfes einzubinden. Inzwischen sind alle wichtigen Museen renoviert und ein lohnendes Ziel für Freunde der Landschaftsmalerei und der Worpsweder Künstler.

Ich möchte dieses Buch gerne empfehlen, da es auch ohne genauere Kenntnis der Kunstgeschichte gut lesbar ist und vielleicht die eine Leserin oder den anderen Leser animiert, über Worpswede und die Maler dort zu recherchieren, oder nach Worpswede zu fahren und die Stimmung dort selbst zu erleben. Ich kann es nur empfehlen, auch für Wanderer und Liebhaber der norddeutschen Landschaft; und Bremen ist nicht weit! Ausstellungsempfehlung: „Worpsweder Landschaften – Worpsweder Köpfe“ (15.11.15 – 05.06.16 Worpsweder Museen).

Jörg Heil

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