Pfaueninsel_CoverFür ein schon auf den ersten Blick schönes Buch will ich Ihr Interesse wecken: „Pfaueninsel“! – Ein taubenblauer Leineneinband mit einer Pfauenfeder im weißen Prägedruck, und bei Licht beginnt der ganze Einband geheimnisvoll, seidig zu schimmern, so wie die Geschichte im Roman von Thomas Hettche.

Die Pfaueninsel, ein Eiland in der Havel, geformt wie ein Wal, ist Projektionsfläche geheimer Wünsche, Gelüste und phantasievoller Ideen im Berlin des 19.Jahrhunderts. Ja, es ist ein historischer Roman, jedoch Meilen entfernt von Hebammen und Wanderhuren. Die Insel, einst Domizil eines Alchimisten, der mit der Herstellung von Glas und Gold experimentierte, bis sein Laboratorium niederbrannte, dann Liebesnest eines Königs und seiner Geliebten, wurde zur Sommerresidenz der königlichen Familie, zum Gartenparadies mit exotischen Pflanzen, Tieren und ungewöhnlichen Menschen, dann schließlich zur durchgeplanten Parklandschaft. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts der König das Interesse an der Insel verlor, verwilderte das Paradies und blieb so der Nachwelt erhalten. In dieses historische Panoptikum kommt als kleines Mädchen Maria Dorothea Strakon mit ihrem älteren Bruder Christian, zwei kleinwüchsige Kinder. Maria, genannt Marie, ist historisch verbrieft als Schlossfräulein, als Statistin in den höfischen Spielen der königlichen Gesellschaft. Aus der Perspektive Maries erlebt der Leser die Entwicklungen auf der Insel, denn Marie hat fast ihr ganzes Leben dort verbracht; wir lieben und leiden mit Marie und allen im Roman handelnden historischen und erfundenen Personen. Wir erfahren, wie es ist, eine Zwergin, ein Monster zu sein und doch Wünsche und Leidenschaften wie alle Menschen zu haben.

Thomas Hettche erschafft mit seiner kunstvollen Sprache die Phantasiewelt auf der Pfaueninsel, die außerhalb der Zeit, der Realität zu liegen scheint. Und doch kann der Zauber der Insel Marie nicht das ersehnte Glück mit dem normalwüchsigen Neffen des Hofgärtners Ferdinand Fintelmann bescheren. Ihr Glück endet in einem Desaster, das mit dem Prachtbau des Palmenhauses eng verbunden ist, das Ende der 20er Jahre erbaut wurde, als der König eine Privatsammlung von Palmen kaufen ließ. Bei aller Kunst der märchenhaften Erzählung holt Hettche den Leser gelegentlich auf den kargen Boden der Tatsachen zurück, wenn er zum Beispiel die akribische Auflistung aller auf der Insel befindlichen Tiere, die Hofgärtner Fintelmann anfertigte, zitiert. Und so viel zum Schluss: Nach der Lektüre des Buches hatte ich spontan den Wunsch, nach Berlin zu reisen und die Pfaueninsel zu besuchen.

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