Menschen hoffen, dass Gott sie segnet, ihr Leben beschützt, Wachsen und Gelingen schenkt und sie vor Unglücken bewahrt. Darum bleiben sie in der Kirche, beten dann und wann, bringen ihre Kinder zur Taufe (obwohl es bei der Taufe ja noch um mehr als um Segen geht), schicken sie zum Konfirmandenunterricht oder möchten kirchlich heiraten.

Als Jakob das Wort oben sagte, ging es nicht so gemütlich zu. Auch er hoffte er auf Gottes Schutz und Segen. Er hatte ihn ja auch schon reichlich erfahren.

Als Betrüger und Flüchtling vor dem verständlichen Zorn seines Bruders war er auf langen gefährlichen Wegen und in Jahren in der Fremde beschützt und bewahrt geblieben, hatte eine große Familie gegründet und ein schönes Vermögen erworben. Gottes Segen, oder nicht?

Aber jetzt, bei der letzten Flussüberquerung auf dem Rückweg in die Heimat, ist es wohl aus. Einer stellt sich ihm in den Weg, ein Angreifer, gefährlich, bedrohlich. Jakob kämpft um sein Leben. Es bleibt ihm nichts Anderes übrig. Aber zugleich ist er sich sicher: Das ist Gott, wer sonst? Gott in der finsteren, schrecklichen Maske eines tödlichen Feindes.

Menschen haben sich damit abgefunden, dass sie Gott nicht einfach sehen könne. Aber manchmal erscheint er ihnen als gnadenloser, nichts fragender Feind. In einer Krankheit, die nicht wieder verschwindet, sondern, wie es scheint, mein Leben früher oder später zerstören wird. In Sterben und Tod, der Trennung von einem anderen Menschen. Oder in einer nicht zu verstehenden und kaum zu ertragenden Katastrophe, in der so vielen Menschen ihr kleines einziges Leben genommen wird.

Was macht Jakob, als ihm Gott nur noch als Feind erscheint? Er erwägt nicht, dass es Gott vielleicht gar nicht gibt und dass dieser Widersacher irgendjemand anders ist. Sondern er ruft Gott an, schreit ihn an, als Helfer gegen die schreckliche und verstörende Maske Gottes. „So bist du nicht wirklich! Segne mich und die anderen, hilf mir und uns!“ Und dann sogar noch: „Eher lasse ich dich nicht los!“

Kluge Menschen haben überlegt, ob es hier um verschiedene Gottesbilder geht. Ein altes, primitives (ein Flussgeist, der dem Reisenden wohlgesonnen sein muss) wird von einem neuen abgelöst. Die Geschichte von Jakobs Kampf am Fluss Jabbok sagt aber etwas Wichtigeres: Gott ist lebendig, mitfühlend, immer nur ein Gebet (oder einen Schrei) weit entfernt. Und weil er lebendig ist, ist es für ihn auch nicht „ungöttlich“, sein Verhalten zu ändern. Jakob bleibt nicht unverletzt. Der Kampf hat Spuren hinterlassen. Aber er lebt und geht gesegnet weiter.

„Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“, wirbt eine große Tageszeitung. „Dahinter steckt immer ein mitfühlendes, mitleidendes Herz“, muss es beim Gott Israels heißen. Auch wenn er uns einmal hinter einer scheinbar ungerührten Maske verborgen ist.

Mit den übrigen Mitarbeitenden grüßt Ihr und Euer Pfarrer Stefan Maser

Über den Autor / die Autorin

Stefan Maser

Stefan Maser ist Pfarrer in Hoerstgen und zugleich evangelischer Krankenhausseelsorger am St. Bernhard-Hospital. Außer der Arbeit in der Gemeinde füllen die Verbindung zum Sozialzentrum "Dios es Amor (Gott ist Liebe)" in einem Armenviertel von Lima/ Peru und eine große Familie sein Leben aus. Zusätzlich zu seinem Dienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Hoerstgen übernimmt er gemeinsam mit Pfarrer Kunellis noch Aufgaben in der Evangelischen Kirchengemeinde Neukirchen.

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