Juergen KunellisUnter den Männern, die als „Durchreisende“ an der Türe meines Pfarrhauses in Sevelen klingeln, befindet sich ein Mann, der meiner Frau und mir besonders auffällt. Er kommt normalerweise alle zwölf Wochen, ist immer freundlich, zurückhaltend und sauber angezogen, gewaschen und rasiert. Die Sechzig wird er überschritten haben. Das genaue Alter wage ich nicht zu schätzen. Wenn er an der Türe geläutet hat und man öffnet, verbeugt er sich leicht, wünscht einen schönen Tag und bittet mit folgender Wendung um eine kleine Geldzuwendung: „Herr Pfarrer, bin ich noch im Bereich Ihrer kleinen Freundlichkeiten?“ Als er zu Beginn des Advents anklingelte, war ich nicht im Büro und meine Frau machte auf. Auf seine Anfrage hin, gab sie ihm aus ihrem eigenen Portmonnaie ohne das zu wissen, den doppelten Betrag von dem, was ich sonst herausrücke. Als er das Geld in Empfang nahm, war er so begeistert, dass er seine Hände über dem Kopf zusammenschlug und ausrief: „O, o, gute Frau!“. Meine Frau, ihrerseits war durch diese kleine Szene so gerührt, dass sie dem Mann spontan noch eine Apfelsine und eine Tafel Schokolade zusätzlich in die Hand drückte.

Wer hat hier wem in dieser kleinen Szene die Liebe erwiesen? So genau kann man das gar nicht sagen. Die Begegnung hat auf jeden Fall zwei beschenkte Menschen zurückgelassen. Der „Durchreisende“ konnte etwas an materiellen Gütern mitnehmen, die er in diesem Moment gut gebrauchen konnte. Meine Frau war gerührt von der Begeisterung dieses Menschen über die für unsere Verhältnisse sehr kleine Gabe. Die Liebe, von der unser Monatsspruch redet, hatte sich einfach ereignet, ohne dass jemand das geplant oder ver-sucht hätte, sich dazu zu zwingen.

Im 1. Johannesbrief heißt es: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Liebe ist eine personale Größe. Wir haben sie nicht so in der Tasche, dass wir sie anschließend nach Gutdünken verteilen könnten. Liebe ereignet sich einfach. Wir können sie nicht machen. Liebe ist das Stück vom Himmel, das wir hier, auf der Erde schon haben. Wir können uns nicht zur Liebe zwingen, auch nicht zur christlichen Liebe. Wir können um sie beten, Vorurteile in der Begegnung mit anderen Menschen ablegen und an unserer Aufmerksamkeit arbeiten, damit wir die Spuren von Gottes Handeln in unserem Leben und im Leben der anderen immer besser bemerken.

Am 2. Januar, am frühen Nachmittag, klingelte unser Freund wieder an unserer Türe. Ich war ganz erstaunt, ihn schon wieder zu erblicken. Die zwölf Wochen seit dem letzten Besuch waren ja noch gar nicht vorbei. Wie ich die Haustüre öffne und ihn erstaunt anblicke, reicht er mir mit einer leichten Verbeugung die Hand, sagt: „Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes neues Jahr.“ – wendet sich ab und geht. „Warten Sie bitte!“, rufe ich hinter ihm her, „brauchen Sie denn gar kein Geld?“ Da dreht er sich langsam um, lächelt verschmitzt und antwortet: „Herr Pfarrer, wenn Sie meinen, dass ich schon wieder einer kleinen Zuwendung würdig wäre, gerne.“

Es grüßt Sie herzlich Ihr Pfarrer Jürgen Kunellis

(Johannes 13,35 – Monatsspruch März 2014)

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