Jürgen Kunellis (Foto: W. Lietzow)

Erntedankgottesdienst mit Kindergartenkindern: Es wird selbst gebackenes Brot in die Kirche mitgebracht und verteilt. Die Aufforderung dazu an die Kinder: „Teilt es gerecht!“ Sofort passen die Erwachsenen, die dabei sind, genau darauf auf, dass alle das Gleiche erhalten. Das ist für sie gerecht. Aber die Kinder machen es unbefangen, wo die Erwachsenen nicht aufpassen, anders. Sie teilen so, dass jeder das bekommt, was er ihrer Meinung nach  braucht. Wer sonst beim Frühstücken im Kindergarten nicht so viel isst, bekommt jetzt auch weniger, und wer sich Tag für Tag als besonders hungrig erweist, bekommt mehr.
Was ist gerecht? Darüber lässt sich trefflich streiten. Ich neige dazu, zu behaupten: Gerecht ist, was die Gemeinschaft stärkt.
Können wir selbst dazu beitragen, die Gemeinschaft mit Gott zu stärken? Martin Luther, an den wir im Oktober wegen des Reformationsfestes ein bisschen mehr denken als sonst im Jahr, hat für sich selbst, als er sich in einer Lebenskrise befand, herausgefunden: Ich kann nichts dazu beitragen. Gottesgerechtigkeit ist ein Geschenk. „Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?“, fragt unser Monats-spruch (Hiob 4,17). Luther würde antworten: Der Mensch kann vor Gott gerecht sein, weil Gott ihm diese Gerechtigkeit schenkt. Er schenkt sie ihm, und er verändert ihn durch dieses Geschenk. Zu erkennen, dass Gott die Gerechtigkeit schenkt, war für Luther eine befreiende Erfahrung. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund, veränderte Luther Kirche und Gesellschaft seiner Zeit nachhaltig.
Luthers Bedeutung hält bis heute an. Der Kern seiner Erkenntnis ist noch nicht überholt: Ich muss mir um meine Daseinsberechtigung keine Gedanken machen. Ich habe es nicht nötig, um sie zu ringen. Es genügt völlig, wenn ich die Kraft, die Gott mir geschenkt hat, für die Gemeinschaft einsetze.
In unserem Gemeindeboten lesen Sie von der ersten bis zur letzten Seite von Leuten, die das bisher versucht haben und weiter versuchen, auf ganze unterschiedliche Weise und mit ganz verschiedenen Gaben. Nicht alles, was wir anfangen, wird zu einem Erfolg. Aber nur, wer anpackt, kann auf Ergebnisse hoffen. Vielleicht haben oder finden Sie auch die Aufgabe, mit der Sie in unserer Gemeinde anderen helfen und Ihren eigenen Horizont erweitern können?
Einen Versuch wäre es wert!

Es grüßt Sie herzlich Ihr Pastor

Jürgen Kunellis